“Keine öffentlichen Liegenschaften für die Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen”

07.03.12

Antragsentwurf zur Einbringung in den Kreisausschuss am 13.03.2012

                                   

 “Keine öffentlichen Liegenschaften für die Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen”

 

Begründung:

Das Münsterland steht vor allem für Landwirtschaft und Tourismus. Fast die gesamte Region - über 6600 Quadratkilometer – wurde allerdings, im Rahmen des Bergrechts, für die Erkundung unkonventioneller Gasvorkommen unter anderem dem Unternehmen ExxonMobil zugesprochen.

 

Verbunden mit einer späteren Ausbeutung eventueller Gasvorkommen wären eine Industrialisierung des ländlichen Raumes und große Risiken für Mensch und Naturhaushalt. Erfahrungen aus den USA und Polen zeigen, dass nur ein Bruchteil des Gases überhaupt technisch und wirtschaftlich gefördert werden kann. Nach einigen Jahren - nicht Jahrzehnten - sind die Gasvorkommen[1] erschöpft[2] und zurück bleibt ein zerstörter und mit Chemikalien durchsetzter Untergrund.

 

Unkonventionelle Gasvorkommen - im Münsterland im Wesentlichen Flözgas - sind fest in den Kohleflözen gebunden. Sie können nur mit erheblichem technischen Aufwand gefördert werden. Erfahrungen gibt es damit in Deutschland nur vereinzelt. Die bisherigen Erfahrungen der Unternehmen beziehen sich auf einfach zu erschließende - konventionelle – Gasvorkommen und einzelne „unkonventionelle“ Maßnahmen wie in Damme und Oppenwehe.

 

ExxonMobil hat im Rahmen eines “Dialogprozesses” Wissenschaftler damit beauftragt, herauszufinden, welche Folgen mit der unkonventionellen Gasförderung verbunden sind und wie damit umgegangen werden kann. Am 31. Januar 2012 wurde dabei der Umfang der geplanten Bohrungen im Münsterland vorgestellt[3]. Im Gegensatz zur konventionellen Gasförderung sind keine punktuellen – vertikalen - Bohrungen geplant, sondern ein vollständiges – horizontales – Durchbohren und voraussichtlich auch Aufbrechen („Fracking“) der gasführenden Schichten in mehreren „Stockwerken“.

 

Für ein Fördergebiet sind zwischen 25 und 40 Bohrplätze im Abstand von 2 bis 4 km notwendig. Von einem Bohrplatz sollen kreisförmig mehr als 20 horizontale Bohrungen mit einer Reichweite von 1 bis 2 km ausgeführt werden. Pro Bohrplatz soll bis zu 14 Monaten gearbeitet werden. Die sehr lauten Bohrungen laufen an 7 Tagen in der Woche. 24 Stunden am Tag. Material wird angeliefert und die Bohrschlämme als Sondermüll mit vielen LKW Fahrten abtransportiert.

 

Der Abstand zur Wohnbebauung muss minimal 200 Meter betragen. Zu Einzelgehöften sogar nur 100 Meter. In Nordwalde würde der geplante Bohrplatz 400 Meter Abstand zum nächsten Gehöft haben. Bei einem Abstand von 2 km zwischen den Bohrungen, wird praktisch jeder Bewohner des Münsterlandes mehr oder weniger von den davon ausgehenden Belastungen betroffen sein.

 

Das mögliche Bohrplatzschema für den Kreis Steinfurt, mit Bohrplätzen im Abstand von 2 km, zeigt, dass alleine auf dem Gebiet von Nordwalde 4 dieser Bohrplätze errichtet werden müssten, um die Kohleflözgasvorkommen ausbeuten zu können.

 

Zusammen mit dem Gas wird auch Lagerstättenwasser gefördert. In Niedersachsen ist es dadurch in den letzten Jahrzehnten wiederholt zu Kontaminierungen von Boden und Grundwasser mit Benzol, Toluol, Xylol, Ethylbenzol und Quecksilber gekommen[4]. Diese Stoffe kommen – genau wie Radium – natürlich in den gasführenden Schichten vor und werden mit dem Lagerstättenwasser an die Oberfläche gefördert.

 

Ursache für die Kontaminierungen waren unter anderem ungeeignete Rohrleitungen[5]. Erst hielten Stahlleitungen dem stark salzhaltigen Abwasser nicht stand und dann wurden Kunststoffrohre verwendet, die für Benzole durchlässig waren. Die Industrie spricht von “kleinsten Schäden”, wobei sich jedoch die Beseitigung der Schäden über Jahre hinziehen und Millionen Euro kosten wird. Und wo nun diese Leitungen überprüft werden, werden laufend neue Verunreinigungen des Grundwassers festgestellt.

 

Neben den eigentlichen Bohrplätzen wird eine umfangreiche Infrastruktur notwendig. Gas und Lagerstättenwasser müssen getrennt und gereinigt werden. Alle anfallenden Stoffe müssen dann zur weiteren Verwendung und Entsorgung abtransportiert werden. In Niedersachsen wird beispielsweise das Lagerstättenwasser durch 800 km Rohrleitungen transportiert. Der Rest per LKW.

 

Auch die Schadstoffe – Bohrschlämme, Radium-226, Quecksilber und aromatische Kohlenwasserstoffe - müssen gelagert und abtransportiert werden. In Niedersachsen erfolgte die Entsorgung bislang in Bohrschlammgruben und Versenkbohrstellen („Disposalbohrungen“). Der Kreis Verden / Niedersachsen[6] lässt gerade prüfen, ob in einer Versenkbohrstelle über Jahre auch illegal Frack-Chemikalien entsorgt wurden. Neue Genehmigungen sollen daher verweigert werden.

 

Nicht nutzbares Methan aus der Förderung wird an den Bohrplätzen über Gasfackeln verbrannt. Mehrere Meter hoch, lodern die Flammen. Die Geräuschentwicklung entspricht einem startenden Düsenjet. Bei der Verbrennung des ungefilterten Gases werden neben CO2 auch viele schädliche Stoffe frei, die im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen.

 

Bislang beschränken sich hier die Aktivitäten der gasfördernden Unternehmen auf Probebohrungen. Das Genehmigungsverfahren nach dem Bergrecht unterstützt diese Vorgehensweise, da jeder Schritt einzeln genehmigt wird. Ein Planfeststellungsverfahren für das gesamte Vorhaben ist nicht vorgesehen und Umweltverträglickeitsprüfungen ohnehin nicht.

 

Neben den Wasserversorgern und Verbänden warnt auch das Umweltbundesamt vor den möglichen Folgen der Gasförderung. Das Land NRW hat daher eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Risiken bei der Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen einschätzen soll.

 

Aktuelle Erfahrungen und Studien aus den USA zeigen, dass von den vorhergesagten Gasmengen nur ein kleiner Teil technisch und wirtschaftlich gefördert werden kann. Die von der IEA genannten Mengen an Gas sind voraussichtlich um 80 Prozent überschätzt[7][8]. Berichte aus den USA und Großbritannien bestätigen die geringen förderbaren Mengen.

 

Der Kreis Steinfurt würde letztlich die Lasten der Gasförderung tragen und dabei kaum profitieren. Nach dem momentan geltenden Bergrecht, hat der Antragsteller eine sehr starke Position. Wie stark die Position des Kreises durch Anwendung des Wasserrecht ist, muss sich noch erweisen.

 

Daher sollte sich der Kreis Steinfurt auf der Grundlage des heutigen Kenntnisstandes eindeutig positionieren und ein Zeichen setzen.

 

 

 

Beschlussvorschlag

 

Der Kreistag Steinfurt nimmt die Vorlage zur Kenntnis und beauftragt die Verwaltung, keine kreiseigenen Grundstücke zur Verfügung zu stellen, die für unkonventionelle Erdgasgewinnung genutzt werden können.

 

 

Finanzielle Auswirkungen: keine

 

 

Anmerkung: Auf gleichgerichtete Anträge wie zum Beispiel der Städte und Gemeinden Hagen, Mettmann, Welver, Brilon, Iserlohn und Nordwalde[9] wird hingewiesen.

 

 

 

Mit freundlichen Grüßen

für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

 

Helmut Fehr

Jörn Krüger

 

[1]

shale.typepad.com/haynesvilleshale/2009/07/chesapeake-energy-haynesville-shale-decline-curve.html

 

[2]

www.businessinsider.com/eia-shale-oil-2011-4

 

[3]

dialog-erdgasundfrac.de/sites/dialog-erdgasundfrac.de/files/02_Praesentation_Landschaft_Schneble.pdf

 

[4]http://www.gegen-gasbohren.de/2012/01/30/report-muenchen-umweltskandal-durch-erdgasfoerderung-in-deutschland/

[5]http://weser-ems.business-on.de/kunststoffleitungen-gas-exxonmobil-soehlingen-voelkersen-rwe-dea-niedersachsen-_id22608.html

[6]http://www.weser-kurier.de/Artikel/Region/Landkreis-Verden/496794/Verden-sorgt-sich-ums-Trinkwasser.html

[7]http://www.naturalgaseurope.com/polish-shale-gas-estimates-likely-to-drop

 

[8]http://www.bloomberg.com/news/2012-01-31/exxon-says-two-polish-shale-wells-were-not-commercially-viable.html

[9]http://www.gegen-gasbohren.de/aktiv-werden/weder-hier-noch-anderswo/