Die 9. Grüne Artenschutzkonferenz - ein unvollständiger Überblick

06.05.23 –

Zu Beginn der gut besuchten Konferenz hat die Bundesumweltministerin Steffi Lemke in ihrem Grußwort die Bedeutung des Artenschutzes für den Klimaschutz betont. Als Botschafterin für gelungenen Artenschutz hat sie die Flussperlmuschel genannt. Diese Muschel filtere Wasser und reinige so enorme Mengen dieses wichtigen Bestandteils des Ökosystems. Gleichzeitig sei sie aber auch ein Indikator für ein intaktes System, da sie in Abhängigkeiten zu vielen anderen Tieren und Pflanzen steht. Die Ministerin wies auf das Programm der Bundesregierung „Natürlicher Klimaschutz" hin, dass dem Zusammenhang zwischen gestörten Ökosystemen und dem Ausstoß und der Aufnahme von CO²
berücksichtigt und durch das Renaturieren von Ökosystemen mehr CO² in Deutschland binden solle.
Die Ministerin betonte, dass natürlicher Klimaschutz durch den Schutz von Mooren und anderen
Ökosystemen eine Antwort auf dieses Problem darstellen könne. Ein wichtiger Aspekt dabei sei die
Speicherung von Wasser durch Naturflächen. Es sei von großer Bedeutung, Wasser in der Landschaft
zu halten, um den Auswirkungen der Klimakrise entgegenzuwirken, denn die Klimakrise sei auch eine
Wasserkrise.
Ministerin Lemke forderte zu lösungsorientiertem Denken auf. Es gehe darum, konkrete Maßnahmen
zu ergreifen, um den Klimaschutz und den Schutz der Biodiversität voranzutreiben. Dabei müssten
sowohl kurzfristige als auch langfristige Ziele im Blick behalten werden. Es sei notwendig, jetzt zu
handeln, um die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu erhalten.
Begrüßungsworte hielten auch Mechtild Schulze Hessing, Vorsitzende des Regionalrats Münster und
Bürgermeisterin der Stadt Borken, sowie Wilfred Stein, der Bezirksbürgermeister von Hiltrup, Berg
Fidel und Amelsbüren, für die Teilnehmer*innen der Konferenz. Die beiden erklärten, wie wichtig
auch die regionalplanerische Arbeit für den Artenschutz sei und dass der Regionalplan die Grundlage
für die lokale Politik böte. Wilfred Stein sagte in Bezug auf den Klima- und Artenschutz, dass unsere
Generation nicht nur zum Handeln, sondern zum Erfolg verpflichtet sei. 


Der Keynote-Speaker der Konferenz war Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der
Tageszeitung DIE ZEIT. Der eher philosophische Vortrag von Herrn Ulrich sollte die Teilnehmer*innen
der Konferenz dazu bewegen, über Artenschutz neu nachzudenken. Ulrich warnte davor, die
Probleme des Klima- und Artenschutzes zu sehr in der Technik zu suchen und sie dadurch bekämpfen
zu wollen. Viel mehr sähe er die Art wie wir mit Technik umgehen und die Mengen unseres Konsums
als Problem an. Er warnte auch davor, der Bevölkerung vorzuspielen, es seien keine
Verhaltensänderungen notwendig. Stattdessen schlug er vor, besser die Verhaltensänderungen und
Einschränkungen einem seelischen wie ethischen Gewinn gegenüberzustellen. Der Schutz der Arten,
so Ulrich, sei genauso wie der Klimaschutz stets chancenlos, wenn mit den materiellen Bedürfnissen
der Menschen in der Zukunft argumentiert werde, denn diese stünden im Konflikt mit den
materiellen Interessen von heute. Es soll lieber mit einer ethischen Befreiung aus der
menschengemachten Zerstörung, argumentiert werden. Die neue ethische Rolle des Menschen
könne eine neue Art von Freiheit bedeuten, Freiheit von Schuld und Brutalität, dies müsse mutig
kommuniziert werden so Ullrich.


In der danach folgenden Runde aus Fachvorträgen ging es um eine Bestandsaufnahme der Artenschutzmaßnahmen in Deutschland, NRW und besonders im Münsterland.

Dr. Ute Hamer vom Institut für Landschaftsökologie der Uni Münster referierte über Bodenökologie und Landnutzung Sie beschrieb die Bedeutung von Bodenlebewesen für die Wasserspeicherung. Gesunde Böden sinddabei eine Schlüsselkomponente im Umgang, wie auch im Kampf mit dem Klimawandel. Nur wenn die Vielfalt an Mikroorganismen, Wurzeln, Regenwürmern und Co weiter existiere und nicht durch Pestizide, Bodenverdichtung und Bodenversiegelung betroffen seien, könnten unsere Böden Wasser in großen Mengen speichern, um mit den geänderten Niederschlagsraten umzugehen.
Tobias Heggemann von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen berichtete über die
Maßnahmen, die in der Landwirtschaft ergriffen wurden, um Biodiversität in landwirtschaftlichen
Räumen möglich zu machen. In seinen Ausführungen unterstrich er, dass die Landwirtschaftskammer
durchaus Synergie-Effekte von Biodiversität-Maßnahmen und den Maßnahmen, die die
Landwirtschaft ohnehin aufgrund der Wasserknappheit treffe, sehen würde. Um die Europäische
Wasserrahmenrichtlinien bei der Renaturierung von Bächen und Flüssen umzusetzen, fehle es oft an
finanziellen Anreizen und planerischer Sicherheit.


Dr. Olaf Niepagenkemper vom Fischereiverband Nordrhein-Westfalen e.V. berichtete über den
Zustand der Fließgewässer in NRW. Er warnte vor der hohen Belastung mit Mikroschadstoffe im
Wasser und der verheerenden Wirkung von Wasserkraftwerken und anderen menschlichen
Eingriffen, die die Fließgewässer verlangsamen und damit auch erwärmen können. Viele heimische
Arten in Fließgewässern befänden sich aufgrund solcher Eingriffe am Rande des Artensterbens.


Dr. Hartwig Mennen von der Bürgerinitative Pro-Teuto gab einen Überblick über den massiven
Kalkabbau im Teutoburger Wald. Das Abbaugebiet liegt mitten im Schutzgebiet „Nördliche Teile des
Teutoburger Waldes mit Intruper Berg“, dass zum europäischen Projekt Natura 2000 gehört. Dieses
Projekt soll ein Netzwerk für einheimische Arten sein, um sich über die politischen Grenzen
auszubreiten und genetisch austauschen zu können. Das Gebiet hat einen weiteren wichtigen
öffentlichen Nutzen: die abgebauten Kalkschichten seien vernetzte Wasserreservoirs, die für den
Erhalt der Quellen verantwortlich sind. Die Bürgerinitiative Pro-Teuto befürchtet, dass der Abbau die
geschützten Quellen negativ beeinträchtigen oder sogar versiegen lassen könnte. Unter den
bedrohten Quellen sind auch die besonders schützenswerten Kalktuffquellen.
Dr. Mennen foderte daher einen Stopp des Kalkabbaus im Teutoburger Wald.


Der zweite Block der Fachvorträge forderte die Teilnehmer*innen im Sinne der Ministerin Lemke zum
lösungsorientierten Denken auf. Unter dem Titel Konzepte, Lösungen und Ausblicke sollten
verschieden Lösungsansätze für einen besseren Artenschutz im Hinblick auf Klimawandel und
Wasserkriese vorgestellt werden.


Henry Tünte vom BUND forderte angesichts des riesigen Artensterbens in Deutschland, dass die
Politik endlich nicht nur in der Energiepolitik, sondern auch beim Artenschutz schnell handele. Er
insistierte, dass die Europäische Wasserrahmenrichtlinien und andere Gesetze endlich erfüllt werden
müssten.
Birgit Beckers vom Dachverband Biologische Stationen in NRW e. V. und dem LIFE-
Projekt Wiesenvögel NRW stellte Projekte ihres Verbandes vor und zeigte Möglichkeiten auf, die auf
Feuchtwiesen angewiesenene Wiesenvögel bei der Brut und Nahrungssuche zu unterstützen. Durch
das Wiederherstellen von Feuchtwiesen und Auen sieht sie in der saisonabhängigen Nutzung von
Wasser einen besonderen Vorteil. Der Wiesenvogelschutz benötigt Wasser Anfang des Frühjahrs und
gegen Ende des Herbstes. Die Landwirtschaft hingegen hat einen erhöhten Bedarf in den
Sommermonaten. Überschwemmbare Abschnitte sollen außerdem der Verdunstung von Wasser
entgegenwirken können. Beckers glaubt daher an eine Möglichkeit guter Zusammenarbeit und
Synergien mit der Landwirtschaft im Bereich des Schutzes von Wiesenvögeln. 


Dr. Britta Linnemann vom NABU-Naturschutzstation Münsterland e. V. zeigte, wie mit Bodenwasser
neu umgegangen werden kann, um die von den Dürren geschädigten Wälder zu stabilisieren. Dabeigeht es um den Rückbau älterer Wasserabfuhrsysteme, besonders in Mooren und Waldmooren. Die
hydrologische Optimierung, die laut Rednerin nur in größeren Wassereinzugsgebieten wirklich
sinnvoll ist, soll in Zukunft in Mooren wieder zu einer höheren Bindung von CO² führen.


Kristian Lilje vom NABU-Naturschutzstation Münsterland e. V. brach eine Lanze für Wiesen,
Weidelandschaften und die Möglichkeiten Weidewirtschaft, Freiflächen-PV und Artenvielfalt
miteinander zu verbinden. Er schätzte die Menge an Arten, die sich von hochgestellten PV-Anlagen
stören lassen würden, sehr gering ein. Anders als bei Biogasanlagen sind die genutzten Flächen
sowohl als Natur- und Artenschutzflächen als auch zur Lebensmittelproduktion und
Energiegewinnung nutzbar. Er forderte die Politik auf, den Agri-PV-Projekten den Vorzug zu geben
und mahnte, dass die Zerstörung der Artenvielfalt in Deutschland seit vielen Jahren unbeachtet blieb.
Katharina Teickner vom Umweltamt der Stadt Hamm berichtete von den Erlebnissen bei der
Renaturierung der im Zentrum der Stadt Hamm gelegenen Lippeaue. Widerstände in der Bevölkerung
waren dabei genauso Thema wie die Fähigkeit von Fischen, sich in den neu entstandenen Bereichen
von ihrer Reise den Fluss hoch erholen können. Wie Frau Teickner berichtete musste der Lebensraum
an der Lippeaue teilweise gegen kleinere Widerstände in der Stadtgesellschaft renaturiert werden, es
gab aber tendenziell positive Resonanzen aus der Stadtgesellschaft.


In einem anschließenden Themen-Tandem präsentierten Dr. Josef Tumbrinck vom
Bundesumweltministerium und der Bundestagsabgeordnete Dr. Jan-Niclas Gesenhues die Antworten
der Bundesregierung: das „Artenhilfsprogramm der Bundesregierung“ und das Aktionsprogramm
„Natürlicher Klimaschutz“. In beiden Fällen handelt es sich um ein Novum, da Artenschutz
Ländersache ist und der Bund hier nur über das Mittel der Notwendigkeit des Artenschutzes für den
Klimaschutz agieren kann. Dazu gehören unter anderem das „Aktionsprogramm Insektenschutz",
das „Nationale Naturerbe" und das „Bundesprogramm Biologische Vielfalt". Diese Programme sollen
dazu beitragen, den Verlust von Lebensräumen zu verhindern, die Biodiversität zu fördern und die
Artenvielfalt in Deutschland langfristig zu sichern. Das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ ist
eine Initiative der Bundesregierung mit dem Ziel, den Beitrag von Ökosystemen zum Klimaschutz zu
erhöhen. Das Programm umfasst eine Vielzahl von Maßnahmen, wie z.B. die Wiedervernässung von
Mooren, die Aufforstung von Wäldern und die Schaffung von Grünflächen in Städten. Durch diese
Maßnahmen sollen Kohlenstoffdioxid und andere Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt und
langfristig gebunden werden. Das Aktionsprogramm soll dazu beitragen, die nationalen Klimaziele zu
erreichen und gleichzeitig die biologische Vielfalt und die Lebensqualität in Deutschland zu
verbessern.
Abschließend fand eine Podiumsdiskussion mit Susanne Schulze Bockeloh, der DBV-
Vizepräsidentin und WLV-Kreisvorsitzenden Münster, dem Biolandwirt Heinrich Rülfing von der
Regionalwert AG Münsterland und Susanne Wangert, der Sprecherin Landesfachausschusses
Landwirtschaft im NABU NRW, statt. Es ging um die Umsetzbarkeit von Artenschutz im
landwirtschaftlichen Alltag unter dem Titel „Artenschutz im Klimawandel: Gemeinsam Verantwortung
übernehmen? Wer - wann - wie?“. Dies sollte dem Anspruch der Veranstaltung gerecht werden,
möglichst viele Blickwinkel für den Artenschutz aufzuzeigen.
Zuletzt zog der Bundestagsabgeordnete Dr. Jan-Niclas Gesenhues eine Bilanz der Konferenz und einen
Ausblick auf die Möglichkeiten der Politik, der Umweltverbände und der Bevölkerung. Er betonte die
Notwendigkeit auch für mutige Politik und verlangte: „Starten wir jetzt den Turbo für Natur- und
Artenschutz!“

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